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"Dass die Amerikaner hinter extremistischen Aktivitäten
Israels sind, dass ist nach das erste Mal." Ein Interview mit dem Direktor Des Deutschen Orientinstituts in
Hamburg, Professor Udo Steinbach.
Datum: 21. Juli 2006
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Udo Steinbach ::
Der Direktor des deutschen Orient-Instituts in Hamburg |
Rundfunk: Seit zehn Tagen bombadiert die israelische Luftwaffe ununterbrochen
verschiedene libanesische Gebiete. Haben Sie persönlich mit diesen kriegerischen
Auseinandersetzungen gerechnet?
Steinbach: Nachdem die Dinge vorgefallen waren, nämlich die Entführung
israelischer Soldaten durch die Hisbollah, habe ich damit gerechnet. Wir hatten
ja ein Vorspiel dazu in Palästina. Dass die Israelis nun hier unangemessen hart
zuschlagen würden in unserer Wahrnehmung, war mir eigentlich ziemlich klar.
Rundfunk: Aber war die Entführung dieser zwei israelischer Soldaten nicht nur
ein Vorwand, die Hisbollah zu liquidieren?
Steinbach: Ja, das denke ich schon. Jetzt nachdem die Dinge ausgebrochen sind
geht es darum, die Hisbollah zu liquidieren und als Widerstandsorganisation
auszuschalten. Insofern mache ich mir keine Illusionen hinsichtlich einer
baldigen Beendigung des Konfliktes. Die Israelis werden alles tun und alle Hebel
in Bewegung setzen. Das wird ein schweres Schicksal für Libanon sein. Die
Hisbollah wird nicht nachgeben, solange nicht irgendwelche politischen
Konzessionen gemacht werden oder eine politische Agenda auftaucht, etwa im Sinne
eines Austausches der Gefangenen. Also beide Seiten sind gerüstet, beide Seiten
sind entschlossen und es wird sehr blutig weitergehen.
Rundfunk: Israels Verteidigungsminister, Perez, hat vor einigen Tagen ganz offen
erklärt, wir haben auf einen solchen Moment gewartet, dass die Hisbollah die
Spielregeln missachtet und nun wollen wir die Hisbollah zerstören. Ist Israel
wirklich in der Lage, die Hisbollah zu vernichten?
Steinbach: Nein. Das ist ganz sicher und ich sage es ganz deutlich, Israel wird
diesen Krieg militärisch nicht gewinnen können. Möglicherweise wird es ihn
politisch verlieren. Militärisch wird es ihnen nicht gewinnen können, denn die
Hisbollah ist ja nicht eine Organisation mit einer festen Infrastruktur, mit
Waffenlager, die man klar kennt, mit einer klaren Strategie. Die Hisbollah ist
eine Widerstandsorganisation, die mit allen Mitteln arbeitet, die sehr flexible
und sehr mobil ist. Also selbst wenn Israel den ganzen Libanon pulverisiert -
und sie sind ja dabei dies zu beginnen, wird es ihnen nicht gelingen, die
Hisbollah auszuschalten. Am Ende wird der Effekt sein, und ich spreche hier von
einer politischen Niederlage, ein unendlicher weiterer Anstieg des Hasses und
der Entschlossenheit in immer breiteren Teilen der Menschen im mittleren Osten,
vor allem im arabischen Raum Israel Widerstand zu leisten und sich auch
radikalen Organisationen anzuschließen.
Rundfunk: Lassen Sie mich einen Satz aus der Erklärung des G-8 Gipfels zitieren,
wo es heißt, Hisbollah muss zuerst israelische Soldaten freilassen, Angriffe auf
Israel einstellen, dann wird als letztes Israel aufgefordert militärische
Aktionen gegen Libanon zu beenden. Heißt das nicht, dass Israel seine Angriffe
solange fortsetzen kann, bis diese zwei israelischen Soldaten frei sind?
Steinbach: Ja das heißt es. Das steht ja darin. Das kann man auch nachlesen und
Sie haben völlig Recht. Aber da sieht man, wie weit die G-8 Leute von der
Realität entfernt sind. Das ist das Letzte, was passieren wird, dass die
Hisbollah diese zwei Soldaten herausrückt. Ich sage es noch einmal, militärisch
wird es hier keine Lösung geben. Die Lösung kann am Ende nur in einem Deal
liegen und Hisbollah hat es klar gesagt, wir erwarten die Freilassung von
politischen Gefangenen durch Israel.
Rundfunk: Die USA sind weiterhin gegen eine Feuerpause. Das haben sie auch
mehrfach bekundet. Riecht das Ganze nicht nach einem Komplott?
Steinbach: ja, Ohne Zweifel. Aber das überrascht uns alle ja nicht. Dass die
Amerikaner hinter extremistischen Aktivitäten der Israelis sind, ist ja nicht
das erste mal. Auch nicht, dass sie die Israelis stützen, wenn sie das
internationale Recht irgendwie ignorieren, die Beschlüsse der Vereinten Nationen
ignorieren, die internationale Gemeinschaft als Ganze ignorieren.
All das überrascht uns nicht, und es zeigt nur, dass man in Washington
buchstäblich weit weg vom Schluss ist und nicht sieht, was hier geschieht. Hier
geschieht eine weitere Delegitimierung des Existenzrechtes in der Wahrnehmung
der Menschen in der Region von Israel.
Rundfunk: Können Sie sich vorstellen, dass wenn jemand diese Krise jetzt
beigelegt ist, dass man dann vielleicht anfängt, anders über die Probleme im
Nahen Osten zu verhandeln?
Steinbach: Das kann ich mir vorstellen, aber das ist noch ein ziemlich weiter
weg bis dahin. Ich wünsche es ginge in diese Richtung. Aber zuerst muss es
gewissermaßen einen Waffenstillstand geben. Die Schüsse müssen also aufhören und
dann werden wir sehen, was zu tun ist. Dann wird vielleicht tatsächlich der
Plan, eine bewaffnete Truppe an der israelisch- libanesischen Grenze zu
platzieren. Vielleicht macht es sogar Sinn. Das würde man nur tun, wenn Israel
weiter mit den Palästinensern. An der Wurzel des ganzen Problems liegt die
Palästinakrise und natürlich mit Blick auf den Libanon würde das bedeuten, die
Stellung der Regierung zu stärken und vielleicht auch zu beginnen die Hisbollah
als bewaffnete Organisation abzurüsten.
Rundfunk: Wer ist in der Lage diesen Prozess durchzuführen?
Steinbach: Natürlich landen wir immer bei den gleichen Mächten. Die Amerikaner
und die Europäer. Noch einmal, jetzt kommt es erst darauf an, einen
Waffenstillstand Zustande zu bringen, und das bedeutet ja im Grunde der Einstieg
in eine politische Agenda, denn ein Waffenstillstand kommt ohne einen
politischen deal nicht Zustande. Wenn das einmal im Gang kommt, wenn die
internationale Gemeinschaft sich einmal endlich regt und bereit ist auf allen
Seiten Druck auszuüben und nicht nur auf der arabischen Seite, kann ich mir sehr
wohl vorstellen, dass ein solcher Einstieg in eine politische Agenda in einem
Friedensprozess von weiterreichender Bedeutung ist.
Das Interview führte Seyed Hedayatollah Shahrokny
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